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Mad Men für Mallorca

August 8, 2016 0 comments

Die Welt des Films, der Stars und Sternchen und des schnellen Schnittes wurde dem Mallorquiner irgendwann zu viel. Er brauchte eine Veränderung. Mehrere Jahre hatte Pere Salom für TV- und Filmproduktionen gearbeitet. Dann entschied er sich für etwas gänzlich anderes. Möbel. Ein Tisch verlangt von ihm nicht ständig eine Entscheidung, ein altes Retro-Radio strahlt vor allem Ruhe aus. Das gefiel ihm. Aus einer Sammlerfamilie kam er sowieso. „Wir hatten zu Hause schon eine Sammlung alter Radios.“

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Seit 2,5 Jahren durchforstet Pere die Märkte Südfrankreichs oder Deutschlands. Auch das spanische Festland birgt einige Fundstücke für seine Retromöbel.

In einer Seitenstraße der Calle Sindicato betreibt er einen kleinen Laden. Hier landen die restaurierten Glanzstücke. Schöne Lampen, ein Sideboard, geschmackvolle Beistelltische mit schlanken schwarzen Beinen stehen dort aktuell zum Verkauf. Kreativ wird er allerdings woanders. Hier, in seinem „Showroom“, der jetzt eine Mischung aus Lager, Showroom und kleiner Werkstatt ist. Das Local ist direkt neben den Plaza de Toros. Rechts an der Wand stehen kleine Sideboarde. Spanisches Fabrikat, von einer Firma in Barcelona abgekauft. Ich sehe ihn förmlich vor mir, Don Draper der Serie Mad Men, auf Spanisch – hier hieße er vielleicht Juan José Navarra – mit seinem 11 Uhr Gin Tonic oder 15 Uhr post-siesta Palo, ohne Sifón. Seine Sekretärin, Laurita, würde zur richtigen Zeit das Schränkchen öffnen, den Drink rühren und wortlos in sein Büro reichen. Ich öffne das Schränkchen. Es hat ein raffiniertes Innenleben: eine kleine Hausbar könnte sich hier gut verstecken. Klappe zu, nichts ist mehr zu sehen. Die Furniere sind in gedecktem Braun ohne düster zu wirken.

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Um wirkliche Fundstücke zu entdecken, durchforstet Pere entsprechende Internetseiten, hat inzwischen seine Kontakte nach Deutschland, Frankreich und das spanische Festland oder fährt auf große Märkte. Südfrankreich ist ein Eldorado für Sammlerstücke. „Der französische Stil mit schlank zulaufenden Tisch- oder Stuhlbeinen kommt sehr gut an“, erzählt er. Auch der deutsche Markt gibt einiges her. Dort gebe es viel Fundus, Deutschland habe eine lange Tradition als Möbelhersteller. Auch alte DDR- Möbel gefallen ihm. Als massiv und ein wenig wuchtig im positiven Sinne, empfindet er sie. In sein Programm hat er sie aber nicht aufgenommen. „Die Leute wählen eher filigranere Sachen. Gut gehen Möbel, die wirklich benutzt werden. Tische und Stühle, Schränkchen…solche Dinge.“

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Man möchte sich in einen der alten Sessel setzen, den Drehknopf bewegen und zart dem knisternden analogen Sound vergangener Tage lauschen.

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Beigebracht hat er sich das Lackieren, Schleifen und das professionelle „den Holzwürmern den Gar ausmachen“ selbst. Sind die Restaurierungen aufwändiger, wenn es zum Beispiel eine neue Tischplatte braucht, dann übernimmt das ein gelernter Restaurator.

Am anderen Ende der Wand erspähe ich etwas Fantastisches. Die Haare bitte einmal föhnen und legen und ich kann dabei entspannt in meiner Illustrierten blättern, ganz ladylike? Kein Problem!

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Einmal föhnen und legen bitte!

Ich bugsiere mein Haupt unter die Trockenhaube und lasse den Blick weiter durch Peres Möbelimperium schweifen. An der Wand stehen sie: kleine Radio-Kleinode. „Mit original bespannten Lautsprechern“, erzählt der Mallorquiner stolz. Klein, mittelgroß oder ein gesamtes Möbel mit integriertem Plattenspieler.

Ich tauche ab in die 50er, 60er- und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. „Ich habe mich auf diese Jahrzehnte konzentriert, weil mir die Sachen gefallen. Noch weiter zeitlich sich ausdehnen wollte ich nicht – das wird dann unübersichtlich“, erzählt mir der Vintage-Freund.

„Ich empfehle für die Einrichtung zu Hause einige wenige, schön ausgesuchte Retro-Möbel“, sagt Pere. Dann komme sogar eine Ikea-Kommode in dem Arrangement ganz gut weg, meint er. „Einige Hingucker und Highlights, das macht es aus.“

Ich brauche noch schöne Lampen. Eine kleine fliegenpilzähnliche gefällt mir. „Ein deutsches Fabrikat“, erzählt er. Der Glasschirm ist geriffelt, das Rot schön kräftig. Ein Hingucker wäre es allemal. Oder doch lieber die Deko-Glühbirne, die größer als eine kräftige Männerhand ist?

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Ich verlasse inspiriert den Laden. Die Trockenhaube lässt mich noch nicht gänzlich los, auch eine kleine Hausbar wie bei Mad Men stelle ich mir adrett in der neuen Wohnung vor. Solange schleift und lackiert Pere in seiner Werkstatt, wählt mit viel Sorgfalt schöne Dinge aus und sorgt dafür, dass Vintage-Freunde auch auf Mallorca auf ihre Kosten kommen.

 

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