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Die letzten Madonnen der Flechtkunst

März 9, 2020 0 comments

Inzwischen sind sie nur noch zu viert. Die Expertinnen im Basthandwerk in Mallorcas Örtchen Capdepera sind eine Rarität geworden. Aber das stört die vier Frauen nicht weiter. Wie jeden Nachmittag von Montag bis Donnerstag, Punkt 16 Uhr, finden sie sich in der ehemaligen Garage hoch oben im alten Teil des Örtchens Capdepera ein. Jede holt ihre Bastarbeit hervor und legt los.

Früher, wir reden hier von zirka 80 Jahren, lebte die Gemeinde von der Korbflechterei. Die Männer zogen an bestimmten Tagen in die Berge und lösten Teile der robusten Zwergpalmblätter aus der Pflanze. Diese wurde in der Sonne getrocknet und in einem Sofredó, einem aus Inselstein – dem Marès – gebauten Ofen mit Sulfat gebleicht. Die Frauen verarbeiteten die Palmwedel zu Taschen, Körben, Fächern und Teppichen. Auch die Kinder halfen mit. Es war selbstverständlich, dass diese nach der Schule erst einmal Einiges an Palmwedel flochten, bevor sie Hausaufgaben machen oder spielen durften. Margalida ist inzwischen über 90. Auch sie hat schon als kleines Mädchen armlängenweise Bast geflochten. Sie tut es bis heute. Die beachtenswert fitte Frau ist Teil der Madones de sa Llata, dem kleinen Kern an Bastflechterinnen aus Capdepera.

An Luxus sind die Frauen nicht gewöhnt. Und brauchen ihn auch nicht

Der heutige Montagnachmittag ist windig und ungemütlich. Unter der Tür der kleinen Werkstatt pfeift es durch. Margalidas Füße ruhen auf einem kreisrunden Teppich aus Bast, der gut von unten isoliert. Über ihre Oberschenkel hat sie eine Wolldecke gebreitet. Auch die anderen Frauen tragen warme Jacken. Wenn es richtig ungemütlich wird, werfen die Frauen einen kleinen, früher mit Kohlen befeuerten Heizofen an. Ursprünglich wurde dieser in ein aussgekerbtes Loch am Fuß eines Tisches eingelegt und wärmte zumindest die Beine.

Zentimeter um Zentimeter wächst der Palmzopf

Margalida nimmt einen Strunk der gebleichten Palmwedel und holt einen Korken, in dem eine kräftige Nadel steckt, hervor. Damit splittet sie die Palmblätter in gleich große Stücke. Blatt um Blatt, stundenlang. Diese Stücke heißen „Prims“. Sie ist die Prim-Expertin. Die anderen Frauen haben auch Spezialgebiete. Zu Marias Füßen rollen sich bereits lange aus Palmito geflochtene Bänder.

Wie Schlangen winden sich die Bastzöpfe über den Boden. Armlänge um Armlänge flicht sie, mit einer Technik, die sich über Jahre perfektioniert hat. Sie nimmt jeweils zwei der Prims und legt diese übereinander. Dann flicht sie diese über kreuz mit weiteren Baststrängen zusammen, die nächsten Stränge folgen. Die Technik ist komplexer als bei einem herkömmlichen Zopf und Teil des Geheimnisses der Bastfrauen. Eine der anderen Margalidas übernimmt und verbindet die Bastzöpfe gekonnt miteinander. Selbst wenn man ganz genau hinschaut, sieht man die Übergänge nicht. Das Werk beendet Margalida Nummer 3. Sie hat inzwischen saubere Basthenkel geflochten sowie einen kleinen Bastknopf. Ein weiteres Kunstwerk ist geboren.

Das ganz persönliche Lieblingsstück erwerben

„Die Taschen halten ein Leben lang“, verspricht Margalida. Nur nass werden dürften sie nicht. Araceli und Antonella sitzen mit den Mallorquinerinnen zusammen. Die aus der nord-ost-spanischen Stadt Zaragoza stammende Frau und die gebürtige Italienerin sind auch nach Jahren noch fasziniert und begeistert von den Kunsthandwerkerinnen. „Diese Frauen tragen eine innere Weisheit in sich“, ist Araceli Iranzo überzeugt. Die Ruhe, die sie beim Arbeiten ausstrahlen, das Gefühl von Gemeinschaft imponiert der Frau, die sich bewusst für einen radikalen Wechsel in ihrer Biografie entschieden hat.

Sie war früher Artdirektorin einer Werbeagentur. Jetzt unterrichtet sie in eigens kreierten Kursen die Techniken der Ses Madones. Antic Mallorca ist ihr Werk. Eine Marke, die vor allem die handgefertigten Basttaschen und Körbe vertreibt – zu Konditionen, die der stundenlangen Arbeit der Frauen gerecht werden. Die Palmblätter werden nach wie vor einmal im Jahr geernet. „Das ist dann ein richtiges Fest, wenn die Männer morgens losziehen und die Frauen das Essen für alle zubereiten“, schwärmt Araceli. Dann der lange Prozess des Trocknens und Bleichens, ganz zu schweigen von der späteren Handarbeit des Flechtens und Herstellens.

„Wenn eine Tasche auf dem Markt 20 Euro kostet, dann stimmt etwas im System nicht“, sagt Araceli. Die meisten Taschen kämen aus Marokko. Die Produkte bei Antic Mallorca übersteigen die 20 Euro. Anders geht es auch nicht. Wer sich für einen Korb oder eine Tasche dort entscheidet, wählt bewusst hiesiges Handwerk. Und gönnt sich ein Einzelstück, das es wirklich zu wertschätzen lohnt.

Antic Mallorca ist unter dem gleichen Namen auch bei Instagram aktiv, dort finden sich auch die Informationen zu den Flechtkursen, in denen Araceli und Antonella mit der Unterstützung der Madones die ursprüngliche Technik erklären.

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