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Hotel Laguna

November 23, 2018 0 comments

Am Ende der Geschichte rollten mir ein paar Tränen übers Gesicht.

Alexander Gorkow, Journalist, beschließt nach über 30 Jahren, seiner Kindheitsbucht Canyamel im Nord-Osten Mallorcas einen Besuch abzustatten. Was machen die Freunde aus der Kindheit heute? Wie geht es Teo und Maria inzwischen? In der dreimonatigen Auszeit, die er sich dafür nahm, entstand die Geschichte „Hotel Laguna“. Meine Familie am Strand.

30 Jahre sind eine lange Zeit. Für Mallorca, das sich in einem Zeitraffertempo verändert, noch einmal mehr. Ehemals einsame Buchten können sich bei einem solchen Besuch als zubetonierte Hotelburgen entpuppen und familiäre Restaurants sind eventuell einer Kette gewichen. Eine Reise in die Vergangenheit kann böse enden.

Alexander Gorkow lässt sich nicht beirren und fährt. Er bittet um ein Sabattical und verbringt drei heiße Sommermonate in dem Hotel, auf das er früher als kleiner Junge mit seiner Familie sehnsüchtig herüberschaute. Das von Schweizern betriebene Hotel Laguna.

Familiengeschichte und Lokalkolorit Mallorcas

Doch bevor er die Leser mit auf die Mittelmeerinsel nimmt, erfahren sie einiges über seinen Herkunftsort. Die Familie lebte am Niederrhein, in der Einlfugschneise des Düsseldorfer Flughafens. Die Eltern kettenrauchende, sympathische wenn auch exzentrische Leute, die große Schwester durch einen Herzfehler unter besonderer Obhut und Pflege, was sie aber nicht davon abhält, den kleinen Bruder ordentlich zu piesaken. Und Alexander, der in der Rückblende kleine Junge, der staunend die hitzigen Diskussionen zwischen den Eltern und der später pupertierenden, politisch linksorientierten Schwester erlebt.

Man taucht ein in die Siebziger und Achtziger Jahre. Springt zwischen Düsseldorf und dem jährlichen Besuch auf La Roqueta hin und her. Alles scheint in eine leichte Sepia-Schicht gehüllt zu sein. Das rumpelnde Caravelle-Flugzeug, der Zigarettenqualm, die anstrengenden Eltern.

Dann reist der inzwischen fast 50-jährige Alexander im Sommer 2016 ab. Schon am Flughafen holt ihn die Realität ein: Verspätung, Overbooking, Stress mit Mitreisenden. Doch er hat Glück und kommt in einer früheren Maschine mit.

Was dann folgt  sind bewegende Momente mit Menschen von früher, eine Vertrautheit mit dem Ort und gleichzeitig ist klar: die Vergangenheit ist vorbei. Doch er geht wohlwollend mit dem Mallorca von heute um. Ja, es ist voll geworden und ja, die Hotels haben viele ehemals ruhige und wunderschöne Flecken verdrängt. Mit dem Luxushotel in Canyamel geht er hart ins Gericht.  In seiner dreimonatigen Auszeit schwimmt der inzwischen erwachsene Alexander jeden Morgen zu den Felsen, auf die ihn schon sein Vater auf dem Rücken (ohne Schwimmflügel!) trug. Täglich fährt er mit dem Kajak hinaus, beobachtet Kormorane, trinkt abends mit den Freunden aus der Kindheit einen, zwei oder auch viele Biere. Und beobachtet und saugt auf. Im Jetzt und taucht ab und an in das Damals ab.

Der Vater: Misantrop und Anhänger von Einsamkeit. Warum dann Mallorca?

Die Eltern des kleinen Alexander hielten viel von einsamen Stränden, der Vater, wie Alexander Gorkow schreibt, ein Misantrop und eigentlich menschenscheu. Warum reist eine solche Familie Jahr für Jahr auf die in den 60er Jahren schon extrem beliebte Ferieninsel? Die Antwort findet der Leser selbst auf den 363 Seiten. Alexander Gorkow beschreibt die Inselbewohner liebevoll als stoisch, was viele Vorteile einbringt. Sie belächeln die sich ewig in der Gluthitze brutzelnden Deutschen, verstehen können sie es nicht, aber sie lassen gewähren. Auch dass Stück für Stück ihr Paradies zerstört wird, führt nicht dazu, dass sie revoltieren oder ausländerfeindlich würden. Die Antwort darauf bei Gorkow lautet: Stoa – im positiven Sinne. Und Toleranz und das vom ewigen Wellenschlag beeinflusste entspannte Gemüt.

Sein Bild von Mallorca ist nicht weichgezeichnet, aber sehr wohlwollend. Über die Deutschen vor Ort (er ist selbst ja einer!) schüttet er gerne Spott aus, manchmal zuviel des Guten. Gleichzeitig nimmt er sich selbst von dieser Kritik nicht aus. Seine Begeisterung für Spanien  und Mallorca nennt  er „positiven Rassismus“. Manchen Ländern gebe man einfach Lorbeeren, da schmecke das kühle San Miguel einfach gut, auch wenn es von außen betrachtet ein miserables Bier ist. So sei das bei ihm und Mallorca. Beim Lesen riecht man den Kiefernharz und sieht die Bucht vor sich.

Spanien ist wie ein getrocknetes Frotteehandtuch: Bretthart

Die Rückblenden in die 60- und 70er Jahre, die Urlaube mit der Familie, die erwachende Pupertät, die den gemeinsamen Urlauben ein jähes Ende bereitete, sie lesen sich leicht und schnell. Man möchte Juan den Hoteldirektor kennenlernen und mit Tomeu und Isabel am liebsten selbst ein Bierchen trinken gehen. Es öffnet den Blick neu für diese wunderschöne Insel und lässt den Leser eine Zeitreise in die Bundesrepublik von damals machen. Die Sprache ist wunderbar bildhaft: „Spanien wirkt im Vergleich zum reich gestickten italienischen Kleid wie ein in der Sonne bretthart getrocknetes Frotteehandtuch.“ Und trotzdem, oder genau wegen seiner Direktheit, liebt er dieses Land  und noch mehr diese Insel. Sa Roqueta.

Lesetipp für Menschen, die Lust auf Zwischentöne haben. Besonders interessant für Leser, die selbst schon die ein oder andere Begegnung mit der Insel und seinen Menschen gemacht haben. Mehr als ein reines Mallorcabuch. Eine Familiengeschichte. Ein Abtauchen in die Kindheit und Vergangenheit. Ein Muss für Mallorcaliebhaber.

Erschienen bei Kipenheuer & Witsch. Gebunden. 22,00 Euro

Diese Rezension wurde nicht bezahlt!

 

 

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