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Wo sind die Palmen?

Mai 13, 2019 0 comments

Wo zum Kuckuck sind die Palmen? In großen gelben Lettern fragt das der Titel des Mallorcabuchs.

Dazu garniert eine bunte Sonnenbrille mit sich in den Gläsern spiegelnden Palmen das orangefarbene Cover. 101 Anekdoten aus Mallorca, verspricht der Untertitel.

Der österreichische Kulturjournalist Thomas Fitzner lebt seit vielen Jahren auf Mallorca. Er schrieb für die hiesigen Zeitungen im Kulturressort und lebt mit Frau und Kindern in einem Dorf in der Inselmitte. Er kennt sich aus.

Und das merkt man beim Lesen. 16 Kapitel, unterteilt in verschiedene Themen wie „Mensch und Tier“, Wetter (ganz wichtig!!) und die „Deutschen“ und einige andere, enthalten die knackig kurz gehaltenen Anekdoten. Komprimiertes Wissen auf einer Druckseite.

Deutsche und Mallorquiner – kann das gut gehen?

Mich interessiert, was jemand, der schon ewig hier ist, zu „DEN Deutschen“ zu sagen hat. Anekdote 33 mit dem Namen „Widerstehlicher Charme…oder warum man gelegentlich Verständnis für Mallorquiner hat, die zu Deutschen Distanz halten“ macht mich neugierig. Mallorquiner gelten als verschlossen. Das haben mir auch schon zig Spanier vom Festland bestätigt – unaufgefordert wohlgemerkt! Deutsche haben bei Spaniern den liebevollen Beinamen „Quadratköpfe“. Und das scheint nicht so einfach zu harmonieren. Thomas Fitzner erzählt in der Anekdote 33 von einem Deutschen, der sich bitter über die Verschlossenheit der Mallorquiner beschwert. Immer sei er offen und nett zu seinen Nachbarn gewesen, doch nichts habe gefruchtet. Geschickt bettet Thomas Fitzner diese Erzählung in eine Begebenheit ein, die den angeblich so offenen Deutschen „entlarvt“ und mit Zwischentönen zeigt, warum die Mallorquiner sich auf diesen angeblich so offenen Deutschen vielleicht nicht einlassen wollten.

Aber Fitzner geht noch etwas weiter. Nicht nur die hier lebenden deutschen Residenten jammern über die bruddeligen Insulaner. Auch die Mallorquiner schütten gerne die Klischeeladung über uns Deutschsprachige aus. Wenn ein Deutscher als „untypisch deutsch“ gilt, ist das ein großes Kompliment. Ein Zeitungsartikel einer spanischen Zeitung, den Fitzner nennt, zeigt dies ganz offen und unverblümt.

Es wird schnell klar. Sonne, Strand und Palmen und gechilltes Inselleben – darum geht es in Fitzners Anekdoten nicht.

Und fast kam Al Pacino

Ich springe in die Rubrik „Film“ auf Seite 103, zur Anekdote „Ciao Al Pacino“. Ein verheißungsvoller Filmauftrag, ein lukratives Angebot, einen Al Pacino Film auf der kleinen vorgelagerten Insel Cabrera zu drehen, hatte wohl nicht mit der grünen Regierung gerechnet. Cabrera ist Naturschutzgebiet. Der Film wurde nicht gedreht, obwohl die Regierung am Ende panisch zurück ruderte. Fitzner zeigt hier in wenigen Worten, wie wankelmütig und „launisch“, wie er selbst schreibt, die jeweiligen Inselregierungen Mallorcas sein können.

Eine Anekdote habe ich noch.

Den Rest dürfen die Leser selbt erschmökern. Kapitel 4: Touristen & Tourismus. Ein riesen Thema auf Mallorca. Anekdote 28. Die Story von Jeans Balkon…oder: Ein holländischer Intellektueller sucht Ruhe in einem abgelegenen Dorf und erlebt eine Invasion.

Zuviel Ruhe kann böse enden

Ich bin gespannt, was sich hinter diesem Titel plus Untertitel verbirgt und blättere auf Seite 67. Ein hollänischer Intellektueller sucht Abgeschiedenheit und meint sie in dem kleinen Bergdorf Randa zu finden. Das Dorf liegt am Berg, eine gewundene Straße zum Kloster Randa führt hindurch. Eigentlich ein Ort der Ruhe. Eigentlich. Denn Randa wurde irgendwann von Radfahrern und auch großen Bussen zum Highlight erkoren. Der Blick von oben ist zugegeben fantastisch und mit dem Rad nach den mühsam erklommenen Serpentinen wieder die Kehren hinunter zu flitzen, macht irre Spaß. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Dieser Intellektuelle lebte in einem Haus direkt an der Straße. Täglich fuhren die großen Busse vorbei, Touristenhorden zogen an seinem Fenster im 1. Stock vorüber und konnten ihm beim frühstücken zuschauen. Das Idyll war dahin und er zog irgendwann verzweifelt weg.

Nicht nur dem Holländer geht es so. Tourismus – Fluch und Segen – in dieser kurzen Anekdote wird es wieder einmal deutlich. Da hilft manchmal nur der Rückzug. Der Holländer in dieser Geschichte ist nach Costitx gezogen. Dort war es dann tragischerweise so ruhig und sein Häuschen so schwer erreichbar, dass es ein böses Ende mit ihm nahm.

Mehr möchte ich nicht verraten…

Geballtes Wissen komprimiert

Fitzner ist zweifelsohne ein Kenner der Insel. Er zeichnet nicht oberflächlich schwarz weiß und tritt sehr diplomatisch gegenüber seinen Gastgebern auf. Österreicher sind ja manchmal bekannt für ihre ein wenig gewundene Sprache. Auch in Fitzners Anekdoten schimmert die blumige österreichische Ausdrucksweise durch. Manchmal lesen sich die Anekdoten ein wenig schwer, es mag an der vielen Information liegen, die er in den wenigen Zeilen unterbringen möchte. Vom Leser wird ein gewisses Maß an Ortskenntnis und Inselkunde vorausgesetzt.

Vielleicht keine schnelle Urlaubslektüre für den Strand. Sicher aber ein Buch für alle, die sich gerne in die Mentalität der Insulaner eindenken möchten und Lust auf die etwas anderen Mallorcageschichten haben.

Die Palmen? Ja, in der allerletzten Anekdote, der 101., wird das Rätsel endlich gelöst. Viel Spaß beim Lesen!

Wo zum Kuckuck sind die Palmen? 101 Anekdoten aus Mallorca.

Autor: Thomas Fitzner.

Erschienen im Babylon Verlag. Preis: 14,90 Euro

Diese Rezension ist unbezahlt.

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