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Küchenwahnsinn

Februar 25, 2017 0 comments

TOC. Drei unscheinbare Buchstaben. Ich frage Dhani Singh Oberoi ganz naiv, was sich hinter dem Namen seines Lokals verbirgt. Trastorno obsesivo compulsivo, erklärt er ohne viel Umschweife und lacht dieses leicht verrückte Lachen, das er mir im Laufe unseres Gesprächs noch öfter schenken wird. Auf Deutsch: Zwanghaftes Verhalten.

 

„Als kleiner Junge konnte ich nicht aus dem Klassenzimmer gehen, ohne die Tische und Stühle auf dem Weg nach draußen in einer bestimmten Reihenfolge berührt zu haben.“ Diese Energie hat sich der 37-Jährige zum Freund gemacht, den Perfektionismus angenommen und ins Positive verkehrt: Die kleine kreisrunde Sojakugel, die er neben das Wildschwein-Tartar platziert, muss dorthin und nirgendswo sonst. Zufrieden stellt er den Teller auf die Theke, drückt auf die kleine silberne Klingel und einer der Kellner trägt ihn zum Tisch. Im Hintergrund läuft guter englischer Rock, nicht zu rau, dafür schön klassisch. Eine kleine Reminiszens an England, die Heimat seiner Kindheit und Jugend.

Dhanis große braune Augen blitzen, seine Hände wirbeln, die Kamera schafft es kaum die Bewegungen einzufangen. Kind einer Spanierin aus Valencia und eines Inders, wuchs er in London auf. Was er von der indischen Seite habe? „A wonderful indian-english accent“ und mimt perfekt die typische weiche Aussprache der Inder. Er lacht sein leicht verrücktes Lachen. Nein, stimmt nicht…sein Englisch ist typisch Londonerisch, sein Temperament sei dagegen eher spanisch. „Hier passe ich sehr gut hin“, sagt er, „obwohl die Jungs in meinem Lokal mich hier den „Hindú“ nennen.“

Seine Mutter wollte damals gerne eine Hotpants anziehen, damals in Valencia für eine junge Frau nicht schicklich. Sie floh ins weltoffene London und blieb hängen. Ihren Mann, einen Inder, lernte sie dort kennen. Dhani kocht so wie seine Wurzeln: Fusion. Ein bisschen indischer Einfluss, die französische Küche war sein Fundament, Tapas produziert er genauso wie asiatische Leckereien. Von allem ein bisschen, und das macht das Lokal TOC aus. Davor kochte er viele Jahre in London, später Valencia bis ihn die Liebe nach Mallorca brachte. Jetzt konnte er sich den Traum eines eigenen Lokals erfüllen.

Gerade ist Mittagszeit. Die zirka 25 Mittagsmenüs, die sie täglich raushauen, gehen weg wie geschnitten Brot. Heute gibt es Salat mit marinierten Tomaten und gerösteten Weißbrot Crustiniflocken. Das Dressing ist dezent und frisch. Ich bestelle einen Weißwein dazu, der schön kühl ist und mich angenehm benebelt. Ich sitze am Fenster und kann den Leuten draußen zuschauen. Viele bleiben stehen, schauen auf die große Schiefertafel mit dem Menü, viele finden den Weg ins TOC. Seit November 2016 hat Dhani das Restaurant in Betrieb, „seitdem geht es prima, viele Leute kommen und Werbung mussten wir eigentlich kaum machen. Das ist alles Mund zu Mund Propaganda“, erzählt er.

Der Raum ist gut gefüllt, neben mir vier Dänen, die sich angeregt unterhalten. Es geht um eins der Lieblingsthemen der Mallorca Residenten: Katzen. Ihre Schlafgewohnheiten, ihr Revierverhalten. Ich wende mich meinem Salat zu, lasse den Blick durch den Raum schweifen, mit den schönen Holzbalken an der Decke, den kleinen Figuren auf den Sockeln an den Wänden oder auf den Säulen. „Wir haben monatlich wechselnde Kunstausstellungen“, erzählt mir Dhani.

Er flitzt wieder hinter die Theke. Als zweiten Gang gibt es gefüllte Auberginen, zwart wie geschmolzene Butter, leicht mit Käse überbacken. Köstlich. Als die 25 Tagesgerichte ausverkauft sind, bestellen die Gäste kreative Pambolis. Diese hier sind mit hausgemachter Paté bestrichen, oben auf eine Schicht aus gebeiztem und in Roter Beete geräuchertem Lachs, kleine zusammengerollte Boquerones, die kleinen säuerlichen Sardellen. Jeder Teller gleicht einem Gemälde. Ich erinnere mich: TOC. Perfektionismus auf hohem Niveau.

Das Messer saust auf schmale, dunkelrote Fleischstreifen hinunter. Was er da hacke, möchte ich gerne wissen, während ich mich nach meinem leckeren Mahl über den Thekenrand beuge. Dhani lässt sich gerne in die Kochkarten schauen, gerade die offene Küche liegt ihm. „Ich komme aus der Barmann Ecke, da ist es ganz normal, immer vor den Gästen ein wenig zu performen.“ Das Gleiche macht er jetzt im TOC, man kann ihm beim hexeln, schnippeln und marinieren zuschauen. „Diese feinen roten Streifen sind Wildschweinfleisch“, erklärt er mir. Das wird ganz fein gehackt, mit Zweibeln verfeinert, ein behutsam aufgebrochenes Wachtelei legt er fast zärtlich in die kleine Mulde des besonderen Tartars. Ein Zweiglein Rosmarin obendrauf, eine kleine Glashaube als Dach und ab auf die Theke. Doch er ist noch nicht fertig mit dem Gericht. Ein Bunsenbrenner flackert die zarten Rosmarienzweige ab, die Glashaube fängt den Rauch ein, der sich in das Tartar eingraben kann. „Der Gast selbst darf die Haube lüften, das macht den Leuten Spaß“, erzählt mir Dhani.

Auch der Ceviche, den er als nächstes zubereitet, sieht verlockend aus. In Grapefruitsaft eingelegt, mit einem vorgeköchelten Sud aus Granatapfelsaft verfeinert, ist dieser Ceviche von der etwas anderen Kategorie.

Jede Woche wechselt das Menü, es gibt einen indischen Tag, auch Vegetarier kommen auf ihre Kosten. Für 11.50 Euro Tagesmenü inklusive Getränk, ist es ein wahres Schnäppchen. Abends kommen eher Tapas oder Tellergerichte dran. Wobei Dhani und seinem Team die Tapas besonders liegen, denn gemeinsam essen und teilen ist Teil seiner Philosophie.

Bald soll eine gemütliche Cocktailbar in den Souterrain einziehen. Mit Vintagemöbeln aus Deutschland und England, mit rauer Backsteinwand und coolen Getränken. Doch jetzt sind die vier Jungs aus England-Spanien-Indien, Mallorca und Italien auch so gut beschäftigt. Dhani hat noch viele Ideen…seine wachen Augen flackern, seine Hände flitzen und er wirbelt weiter hinter der Theke. TOC halt.

Männerpower im TOC: von li José Manuel, Dhani, Lorenzo Farfoli und Taddeo Baino.

Es empfiehlt sich einen Tisch zu reservieren. Unter der Facebookseite findet ihr weitere Infos. Mittagesmenüs zwischen 13 und 15 Uhr, die beste Zeit ist bis 14 Uhr, später besteht die Gefahr, dass die Gerichte ausverkauft sind. Tagesmenü 10,50/ 11, 50 Euro.

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