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Wenn noch nicht mal der Postbote einmal klingelt

April 28, 2020 0 comments

Diese kleine Kolumne ist in Zeiten entstanden, in denen es ganz normal war, dass immer mal wieder jemand vorbeischneite und vorher klingelte. Heute steht die Gegensprechanlage weitgehend still. Abgesehen vom gelentlichen Lieferservice der hiesigen Agraranbieter, die eine Biokiste vorbeibringen. Sonst herrscht eins: Ruhe. Gespenstische Ruhe.

Auch ich werde jedesmal wieder, auch von Freunden, die schon zig mal bei mir waren, gefragt: Wo soll ich nochmal klingeln? Meine Antwort fällt dann lang und sperrig aus: Hausnummer 6, dritter Stock, primera A – erste A. Was es mit der 1.A oder primera derecha auf sich hat, hat sich mir bis heute nicht erschlossen, denn schließlich liegt meine Wohnung von der Straße aus betrachtet auf der linken Seite. Aber gut…

Weil die Rubriken so witzig und gleichzeitig passend geschrieben sind, und in der Hoffnung, dass es bald wieder anders sein wird, habe ich heute mal wieder eine hervorgeholt und möchte sie mit euch teilen. Dank an den Kolumnisten Patrick! Los gehts…

Wer auf Mallorca vorhat, jemanden zu besuchen, der sollte stets ein Mobiltelefon mit sich führen. Denn wer kennt hierzulande nicht den obligatorischen Griff zum Handy, wenn man mal wieder vor einer Türe steht und keine Ah- nung hat, wo man klingeln soll?

„Hallo! Welchen Knopf muss ich drücken?” Am anderen Ende der Leitung heißt es dann meist:„Segundo”, also „zweiter Stock” oder „3o A.”

Man sollte sich die Ziffernabfolge immer gut merken. Beim nächsten Besuch steht man aber häufig wieder genauso ratlos davor.

Die Person, die sich in der Wohnung befindet, könnte ja auch einfach den automatischen Türöffner betätigen, tut sie aber in der Regel nicht. Sie sagt, wo man klingeln muss, man drückt den Knopf und erst dann hört man das Surren und kann die Tür aufdrücken. Das scheint eine Art Erzie- hungsmaßnahme zu sein. Würde der Gastgeber das nicht tun, wüsste der Gast ja beim nächsten Mal wieder nicht, wo er klingeln muss und würde erneut zum Telefon greifen. Das ist nicht nur auf Mallorca so. In ganz Spanien ist es unüblich, seinen Namen auf dem Klingelschild zu verewigen. Aber warum? Interessiert die Spanier doch sonst ihre Privatsphäre reichlich wenig. Probleme werden unüberhörbar bei offenen Fenstern oder gleich auf der Straße diskutiert. Bei fast jeder Konversation im Restaurant können mindestens drei weitere Tische mithören, aber auf dem Klingelschild will man anonym bleiben? Und ausgerechnet die in den Augen vieler Spanier gefühlskalten Deutschen hängen selbst getöpferte Schilder an ihre Haustüren mit der Aufschrift: „Hier wohnen glücklich und zufrieden Ralf und Gerlinde Schmitz mit ihren Kindern Steffi, Michael und Emma.”

Offenbar hält der Trend der Anonymisierung langsam aber auch in Deutschland Einzug. In den Berliner Villenvierteln Dahlem und Grunewald will man sich offenbar durch das Weglassen des Namens vor Einbrüchen schützen.

Ich finde das schade. Gibt es doch nichts Schöneres, als durch die Straßen einer Stadt zu flanieren und die vielen verschiedenen Namen auf den Klin- gelschildern zu studieren. Mit den Briefkästen ist es auf Mallorca ein ähnliches Trauerspiel. Eigentlich gibt es keine. Der Postbote legt die Briefe einfach auf den Treppenabsatz. Dort wartet die Post dann darauf, vom Empfänger eingesammelt zu werden.

Da die Briefträger selbst oft von den Nummern überfordert scheinen, landet die Post meistens direkt auf dem Boden.

Für alle Kinder gibt es dennoch positive Nachricht: Der gute alte Klingel- streich funktioniert immer, egal ob auf dem Schild „Sánchez” oder „5o B” steht.

Erschienen in den Anfangsjahren, als der Kolumnist sich gerade auf dem hiesigen Eiland zurecht zu finden begann und allerlei Kurioses entdeckte und treffend festhielt.

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