HomeLeib & Seele

Fettarm war gestern!

März 6, 2017 0 comments

Es darf spritzen und brutzeln und zischen. Es muss sogar! Maria Gibert greift gerne zur großen Ölflasche, damit die mallorquinischen Zutaten ordentlich in Aceite de oliva virgen schmoren können. Olivenöl aus der hiesigen Küche verbannen – undenkbar!

Ich besuche sie heute in ihrer Wohnung, die „Showküche“ ist gleich nebenan. Dort erklärt sie rund 16.000 Youtube-Anhängern wöchentlich ein neues Rezept. Man sieht ihr beim Zubereiten zu, die Zutaten liegen ordentlich aufgereiht und vorbereitet vor ihr auf dem Küchentisch, die roten Armaturen strahlen im Hintergrund.

María in ihrer Küche direkt an Palmas Hafen

María ist fast 80 Jahre alt. Kochen, das sei ihr Leben, erzählt sie mir, während wir auf der großzügigen Sofalandschaft mit Blick auf den Hafen von Palma ein wenig plaudern. Direkt beim Eingang steht ein Pult mit der Bibel, Bilder ihrer Enkel mit den Bachelor-Hüten, den akademischen Talaren auf den Fotos, ihr ganzer Stolz. Ein Enkel studiert gerade in Japan. Er war es, der die Idee der „Youtube-Oma“ aus den Angeln hob. Das ist jetzt schon sechs Jahre her.

„Ich habe schon immer gerne und viel gekocht. Für Freunde, für Bekannte“, erzählt sie. „Mein Enkel meinte dann zu mir: Mach doch daraus was für Youtube.“ Seitdem filmt er sie Woche für Woche, seit er in Japan ist, hat es seine Schwester übernommen, schickt den Film nach Japan und er schneidet das Material zurecht. Wenige Tage später ist es auf Youtube zu sehen.

Recetas mallorquínas ist das Zauberwort. Und der Erfolg, wann kam der, will ich von ihr wissen. „Das ging ganz fix“, sagt María. „Weltweit stellen ihr die Zuschauer Fragen, sogar auf Deutsch, Französisch oder Englisch“, erzählt María. Es ist fast wie ein Vollzeitjob. Reich wird sie damit allerdings nicht. Youtube zahlt ein wenig, je nach Klicks, aber viel fällt davon nicht ab. „Ich verliere sogar“, sagt María. Das Essen verschenkt sie am Ende nämlich an ihre Kinder.

Um neue Ideen und Rezepte zu finden, fragt sie bei den Leuten in den Dörfern nach, stöbert in Zeitschriften, wobei wirklich ursprüngliche mallorquinische Rezepte in wenigen Zeitschriften zu finden seien.  Zu Tortilla de patatas gebe es zum Beispiel viele Rezepte, aber die echte von der Insel, die gehe natürlich nur mit Sobrasada, der deftigen Paprikawurst. Manteca, das Schweineschmalz, ist das zweite Zauberwort der Rezepte. Es kommt fast überall dran, Veganer bitte weghören!

Mallorquiner in der Ferne können aufatmen

María erzählt mir von einem Mallorquiner, der mit einer Deutschen verheiratet ist. Seitdem er Marías Rezepte in der weiten Ferne Deutschlands abrufen kann und endlich seine vertraute, gute Inselküche genießt, gehe es ihm gut. „Litt er arg unter der deutschen Küche?“, frage ich ein wenig provokativ. „Natürlich, natürlich“, gibt María ohne Umschweife zu. Ich muss schmunzlen.

María begann früh für ihre Geschwister zu kochen, die Eltern starben als alle noch relativ jung waren. „Ich merkte, dass ich mit dieser Gabe geboren war“, erzählt sie. Sie lernte neue Rezepte schnell, probierte gerne aus. „A lo tonto, a lo tonto“, nennt sie es bescheiden, was soviel wie „aufs Geratewohl“ heißt. Kein Schnick-Schnack einer Spitzenköchin, gute Hausmannskost. Und mit einer Dose Tunfisch zaubert sie Kroketten, die Kunst liege in der Improvisation, sagt die Mallorquinerin. Und Ruhe, Ruhe sei die zweite wichtige Säule guter Küche. „Wenn du es eilig hast, wird das nix“, sagt sie.

In ihren Videos erklärt sie, wie man Oliven einlegt, Sopas mallorquinas zubereitet- die typischen Eintöpfe – , luftige Biskuitböden gut hinkriegt, die reißenden Absatz in der Schokoladerie Ca´n Joan de S´Aigó fanden, aufwendige Weihnachtsgerichte und alltagstaugliche Tortille de Patatas zaubert. In zirka 10 Minuten pro Video erklärt sie die einzelnen Schritte, man schaut ihr beim frittieren und braten über die Schulter, während ihre Enkelin filmt.

Mallorca – das ist einfach unübertroffen

Und warum ist gerade ihr Youtube Kanal so erfolgreich, frage ich sie. Es gebe doch schon so viele Kochshows, was mache ihren Kanal aus? Ich erwarte einen Geheimtipp, ein lang gehütetes Geheimnis oder glaube einfach daran, dass die Leute es lieber einfach mögen, ohne Schnörkel; eine ältere Dame, die ihr Leben kochend verbracht hat, der glaubt man eben doch eher als einem telegenen Jungspund, der zu Hause nicht den Kochlöffel schwingt.

Ihre Antwort ist typisch mallorquinisch: „Mallorca bietet einfach so viele wunderbare, verschiedene Dinge an, jedes Dorf hat unterschiedliche Rezepte. Mallorcas Küche ist einzigartig.“

Ach.

Und dann ergänzt sie noch: was viele Spitzenköche anbieten, diese „Mariconadas“ wie sie es geradeheraus nennt, auf gut Deutsch „unnötiger Schnick-Schnack“ mit aufwändigen Küchengeräten, das habe sie nicht. Sie zeige normale Alltagsküche, praktisch und gut umsetzbar. Und schüchtern sei sie noch nie gewesen. „Ich habe ein sonniges Gemüt, immer positiv und bin begeistert, wie die Videos geworden sind. Ich würde sie nicht besser machen.“

Ich glaube, das ist Teil ihres Erfolges: Authentizität und mallorquinischer Pragmatismus.

María ist mit den 80.000 Klicks pro Video inzwischen ein kleiner Youtube Star geworden. Bei meinem nächsten Tortilla Versuch weiß ich, wo ich einschalte.

You may also like

Leave a Comment